Markenstrategie · Wahrnehmung · Customer Experience
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Fachlich aktualisiert am 21. August 2026: mit aktueller Forschung zu Duft, Haptik, Klang, Reizkongruenz, E-Commerce, AR/VR, Barrierefreiheit und sensorischer Überlastung.
Ein Karton kann sich hochwertig anfühlen, bevor ein Kunde auch nur ein Wort gelesen hat. Das Geräusch einer Autotür kann Solidität vermitteln. Eine Verpackungsfarbe kann beeinflussen, wie süß oder intensiv ein Produkt erwartet wird. Und ein unpassender Duft kann eine ansonsten gute Verkaufsfläche schlechter machen.
Multisensorisches Marketing beginnt deshalb nicht mit der Frage, wie möglichst viele Sinne gleichzeitig aktiviert werden. Es beginnt mit der Frage, welche Wahrnehmung eine Marke auslösen soll – und welche Signale diese Wahrnehmung glaubwürdig stützen.
Was ist multisensorisches Marketing?
Die Konsumentenforscherin Aradhna Krishna definiert sensorisches Marketing als Marketing, das die Sinne von Konsumenten anspricht und dadurch Wahrnehmung, Beurteilung und Verhalten beeinflusst. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Ladenatmosphäre, Produktduft, Verpackung, Musik oder Haptik ist mehrere Jahrzehnte alt. Multisensorisches Marketing ist daher weder eine Erfindung der letzten Jahre noch automatisch Neuromarketing.
Ein oder mehrere Sinne
Gezielte Gestaltung visueller, auditiver, haptischer, olfaktorischer oder gustatorischer Reize.
Abgestimmtes Zusammenspiel
Mehrere Sinnesreize greifen ineinander und vermitteln eine gemeinsame Bedeutung.
Das gesamte Erlebnis
Bezieht zusätzlich Handlung, Service, Beteiligung, Kontext und soziale Erfahrung ein.
Neuromarketing bezeichnet dagegen den Einsatz neurowissenschaftlicher oder psychophysiologischer Methoden, beispielsweise Eye-Tracking, EEG oder Messungen der Hautleitfähigkeit. Eine Kampagne kann multisensorisch sein, ohne dass dafür Gehirnaktivität gemessen wird.
Wie multisensorisches Marketing wirkt
Menschen nehmen Produkte und Umgebungen nicht in getrennten Sinneskanälen wahr. Das Gehirn verbindet Farbe, Form, Klang, Geruch, Temperatur, Gewicht und Material zu einem Gesamteindruck. Dabei entstehen Erwartungen: Eine dunkle Verpackung kann Intensität signalisieren, eine matte Oberfläche Zurückhaltung, ein tiefer Klang Größe oder Schwere.
In der Forschung werden solche stabilen Verbindungen zwischen Eigenschaften verschiedener Sinne als crossmodale Korrespondenzen bezeichnet. Stimmen die Signale in ihrer Bedeutung überein, entsteht sensorische Kongruenz. Widersprechen sie sich, kann das Aufmerksamkeit erzeugen, häufig steigt aber auch der Verarbeitungsaufwand.
Vier Wirkebenen
Reize werden bemerkt
Kontrast, Bewegung, Klang oder Duft können Aufmerksamkeit verschieben. Mehr Aufmerksamkeit ist aber noch kein Kauf.
Qualität wird vorweggenommen
Verpackung, Material und Präsentation erzeugen Erwartungen an Geschmack, Wertigkeit oder Leistung.
Informationen werden verknüpft
Markentypische Reize können als Abrufsignal dienen, wenn sie konsistent und eindeutig eingesetzt werden.
Annäherung oder Vermeidung
Reize können Verweildauer, Auswahl und Interaktion beeinflussen – oder bei Überlastung zum Abbruch führen.
Langfristige Markenbindung folgt daraus nicht automatisch. Viele Studien erfassen kurzfristige Bewertung, Erinnerung oder Kaufabsicht. Wer aus solchen Ergebnissen sichere Umsatz- oder Loyalitätsversprechen ableitet, geht weiter als die Daten tragen.
Die Sinneskanäle und ihre Aufgaben
Sehen: Farbe, Form, Licht und Bewegung
Visuelle Signale erreichen Kunden meist zuerst. Farbe und Form helfen bei Orientierung, Wiedererkennung und Erwartungsbildung. Untersuchungen zu Lebensmittelverpackungen zeigen beispielsweise, dass Farbe, Typografie, Form und Produktabbildung Erwartungen an Süße, Cremigkeit, Gesundheit oder Intensität verändern können.
Das bedeutet nicht, dass Rot immer aktiviert oder Blau immer Vertrauen erzeugt. Wirkung entsteht im Zusammenspiel aus Produktkategorie, Kultur, Markenhistorie und Kontext. Eine ausführlichere Einordnung bietet unser Beitrag zur Farbpsychologie im Marketing.
Hören: Musik, Sonic Branding und Produktgeräusche
Tempo, Klangfarbe, Tonlage, Lautstärke und musikalische Struktur können beeinflussen, wie innovativ, ruhig, hochwertig oder dynamisch eine Marke wirkt. Entscheidend ist jedoch nicht nur die Musik selbst. Gefallen, Vertrautheit und inhaltliche Passung sind häufig stärker als einfache Regeln zum Tempo.
Auch funktionale Geräusche gehören zur Markenwahrnehmung: das Einrasten eines Verschlusses, das Knacken einer Lebensmittelkruste, das Blättern durch schweres Papier oder das akustische Feedback einer App. Ein kurzer, wiedererkennbarer Sound kann als Markenasset dienen. Dauerbeschallung ist dagegen kein Sonic Branding.
Fühlen: Oberfläche, Gewicht, Temperatur und Widerstand
Haptik vermittelt Informationen, die sich visuell nur begrenzt ersetzen lassen. Papierstärke, Prägung, Soft-Touch-Oberfläche, Verpackungswiderstand oder Produktgewicht verändern den Qualitätseindruck. Eine Metaanalyse über 42 Studien kommt insgesamt zu einem moderaten positiven Effekt von Produktberührung auf die Produkteinstellung. Die Wirkung variiert jedoch nach Produkttyp und individuellem Berührungsbedürfnis.
Berührung kann zudem psychologisches Eigentum verstärken. Sie wirkt aber nur positiv, wenn das haptische Erlebnis selbst überzeugt. Ein schlecht verarbeiteter Verschluss, eine klebrige Oberfläche oder eine überraschend leichte Verpackung kann die Bewertung verschlechtern. Für Printprodukte und Verpackungen ist deshalb die Verbindung von Gestaltung und Material entscheidend. Mehr dazu finden Sie bei unserer Design- und Printberatung.
Riechen: Produktduft und Raumduft unterscheiden
Gerüche sind eng mit Erinnerung und Emotion verbunden. Trotzdem muss zwischen einem direkt an das Produkt gekoppelten Duft und einer allgemeinen Raumbeduftung unterschieden werden. Experimente zeigen, dass Produktduft die Erinnerung an Produktinformationen noch nach bis zu zwei Wochen unterstützen kann und in diesem Kontext wirksamer sein kann als ein diffuser Raumduft.
Bei Raumduft entscheiden Passung, Intensität, Vertrautheit, Lüftung und Zielgruppe. Ein Duft kann die Atmosphäre verbessern, aber auch Kopfschmerzen, Übelkeit oder Reizungen auslösen. Duftmarketing ist deshalb keine Dekoration, die bedenkenlos auf maximale Intensität gedreht werden sollte.
Schmecken: Produktprobe, Erwartung und Kontext
Geschmack ist besonders für Lebensmittel, Getränke, Gastronomie und Tourismus relevant. Er entsteht nicht isoliert auf der Zunge. Farbe, Temperatur, Gefäß, Geräusch und Duft beeinflussen das erwartete und tatsächliche Erlebnis. Ein Probierangebot ist daher immer auch eine Präsentationssituation.
Online lässt sich Geschmack bislang nicht wirtschaftlich übertragen. Forschungsprototypen wie „e-Taste“ können Grundgeschmacksrichtungen technisch erfassen und reproduzieren, sind aber keine reife Standardlösung für Onlineshops. Für die Praxis sind sensorische Sprache, Nahaufnahmen, Zubereitungsgeräusche und nachvollziehbare Produktbeschreibungen wesentlich relevanter.
Was die Forschung belegt – und was nicht
Drei belastbare Größenordnungen
Einordnung: Die Kennzahlen stammen aus unterschiedlichen Untersuchungen und dürfen nicht direkt miteinander verglichen oder als allgemeine Umsatzprognose verwendet werden.
Die Duft-Metaanalyse von Roschk und Hosseinpour integriert 671 experimentelle Effekte. Angenehme Düfte verbesserten die untersuchten Kundenreaktionen durchschnittlich, die Größenordnung variierte je nach Kennzahl meist zwischen drei und 15 Prozent. Für Ausgaben modellierten die Autoren unter durchschnittlichen Bedingungen etwa drei Prozent Zuwachs. Unter besonders günstigen Bedingungen lag die Schätzung höher; unter ungünstigen Bedingungen waren auch negative Effekte möglich.
Eine weitere Metaanalyse von 2024 fand positive durchschnittliche Dufteffekte im Handel und in der Hospitality-Branche. Kognitive und verhaltensbezogene Effekte waren in der Hospitality stärker. Gleichzeitig beeinflussten Studiendesign, Ort und Stichprobe die Ergebnisse.
Wenn es zu viel wird
Die Empfehlung „Verwenden Sie alle Sinne“ ist nicht nur unnötig, sondern kann schaden. Labor- und Feldexperimente zur sensorischen Überlastung zeigen: Wird ein weiterer hoch aktivierender Reiz ergänzt, kann die wahrgenommene Erregung steigen, während die angenehme Bewertung sinkt. Besonders visuelle und auditive Zusatzreize können eine bestehende Reizumgebung kippen.
Das betrifft nicht nur Menschen mit hoher sensorischer Empfindlichkeit. Neurodivergente Personen, ältere Kunden, Menschen mit Migräne oder vestibulären Einschränkungen können niedrigere Belastungsgrenzen haben. Eine moderne sensorische Strategie benötigt daher auch ruhige Zeiten, reduzierte Varianten und abschaltbare digitale Reize.
Ihre Marke sendet bereits sensorische Signale
Die Frage ist nicht, ob Kunden Farben, Materialien, Klänge und Produktdarstellung wahrnehmen. Die Frage ist, ob diese Signale strategisch zusammenpassen.
Multisensorisches Marketing im E-Commerce
Onlineshops können weder Stoffe fühlbar noch Lebensmittel probierbar machen. Sie können fehlende Sinnesinformationen aber teilweise übersetzen. Gute digitale Multisensorik ist keine automatisch startende Hintergrundmusik. Sie hilft Kunden, Material, Nutzung, Geräusch und räumliche Wirkung eines Produkts besser einzuschätzen.
| Instrument | Sensorische Funktion | Sinnvoll für | Zu beachten |
|---|---|---|---|
| Detail- und Zoombilder | Struktur, Verarbeitung und Material sichtbar machen | Mode, Möbel, Print, Schmuck, Technik | Realistische Farbe, Maßstab und Oberfläche |
| Produktvideo | Bewegung, Widerstand, Größe und Bedienung zeigen | Werkzeuge, Küchenprodukte, Textilien, Maschinen | Echte Nutzung statt reinem Imagefilm |
| Natürliche Produktgeräusche | Knusprigkeit, Mechanik oder Material unterstützen | Food, Technik, Verpackung, Fahrzeuge | Kein ungefragtes Autoplay |
| Sensorische Sprache | Geruch, Geschmack und Haptik mental aktivieren | Nahezu alle erklärungsbedürftigen Produkte | Konkret und überprüfbar schreiben |
| AR und virtuelle Platzierung | Größe, Passung und räumlichen Kontext vermitteln | Möbel, Kosmetik, Mode, Automotive | Nutzen vor technischer Show |
| Haptisches Feedback | Interaktionen durch Vibration bestätigen | Mobile Apps und AR-Anwendungen | Abschaltbar; Wirkung abhängig vom Need for Touch |
Fünf A/B-Experimente mit Produkten wie Seife, Büchern, Eis und Brot zeigten, dass Wörter zu Geruch, Berührung und Geschmack das gemessene Engagement gegenüber rein sachlichen Texten steigern konnten. Die Unterschiede lagen je nach Experiment zwischen 15,3 und 21,5 Prozentpunkten. Daraus folgt kein allgemeines Verkaufsversprechen, aber eine konkrete redaktionelle Empfehlung: Produktbeschreibungen sollten relevante Sinneseigenschaften benennen.
Auch Video und Ton können fehlende Haptik teilweise kompensieren. Eine Studie mit Küchenmessern und Pullovern zeigte, dass natürliche, zum Produkt passende Interaktionsgeräusche bestimmte haptische Eigenschaften besser vermittelten. Die Wirkung hing allerdings von Produktkategorie und persönlichem Berührungsbedürfnis ab.
AR und VR sind ein wachsendes Feld, aber noch keine pauschale Antwort. Eine 2026 veröffentlichte systematische Übersicht fand besonders Anwendungen in Food, Mode, Kosmetik, Möbeln, Automotive und Tourismus. Gleichzeitig stellten die Autoren fest, dass bislang nur vergleichsweise wenige belastbare Experimente vorliegen.
Barrierefreiheit gehört zur sensorischen Gestaltung
Seit dem 28. Juni 2025 gelten die Anforderungen des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes grundsätzlich auch für den Onlinehandel. Informationen dürfen deshalb nicht ausschließlich über Farbe, Form, Position oder Klang vermittelt werden. Automatisch abgespieltes Audio muss kontrollierbar sein; Bewegung sollte sich reduzieren lassen. Untertitel, Alternativtexte und verständliche Beschriftungen sind keine Gegenspieler multisensorischer Gestaltung, sondern deren zugängliche Übersetzung.
Eine gute User Experience gibt Kunden Kontrolle. Lautstärke, Animation und haptisches Feedback sollten nicht aufgezwungen werden.
Praxisbeispiele: belastbar einordnen statt Werbemythen wiederholen
Viele bekannte Sensorik-Beispiele werden über Jahre voneinander abgeschrieben. Dabei verschwimmen dokumentierte Kampagnen, Experimente und Markenerzählungen. Für einen fachlich belastbaren Artikel muss deshalb klar erkennbar sein, woher eine Erfolgszahl stammt.
Dunkin’ Donuts · Flavor Radio
Wenn Jingle, Kaffeearoma und Standort zusammenarbeiten
In Seouler Bussen löste der Dunkin’-Jingle einen Kaffee-Duftspender aus. Nach dem Aussteigen trafen Fahrgäste auf Außenwerbung und nahegelegene Filialen. Die Kampagnendokumentation berichtet von 16 Prozent mehr Besuchen und 29 Prozent höheren Verkäufen an den betroffenen Standorten.
Die Mechanik ist nachvollziehbar: Klang, Duft, Tageszeit, Produkt und Weg zur Filiale waren aufeinander abgestimmt. Die Zahlen stammen jedoch von der Kampagnenseite beziehungsweise der verantwortlichen Agentur und wurden nicht unabhängig wissenschaftlich auditiert.
Beduftete Kinowerbung: Experiment statt Coca-Cola-Behauptung
Eine wissenschaftliche Untersuchung setzte beduftete Werbespots in einer simulierten Kinoumgebung ein. Olfaktorische und bildliche Signale verbesserten Markenbewertung und Werbeerinnerung; Duft wirkte in dieser Untersuchung stärker auf positive Gefühle und Erinnerung als Bilder. Das stützt den Mechanismus multisensorischer Kinowerbung. Es belegt aber keine konkrete Coca-Cola-Popcornkampagne, wie sie häufig online behauptet wird.
Auch gewöhnliche Touchpoints sind multisensorisch
Die wirtschaftlich interessantesten Anwendungen müssen nicht spektakulär sein. Eine Versandverpackung, die leicht zu öffnen ist, ein Produktvideo mit echtem Bediengeräusch oder eine klar beschriebene Papieroberfläche können näher an der Kaufentscheidung liegen als eine teure Duftinstallation.
Muster und Demonstration
Materialmuster, Oberflächen, Maschinenklang, Gewicht und reale Anwendung reduzieren Unsicherheit.
Atmosphäre und Orientierung
Licht, Akustik, Materialien und gegebenenfalls Duft müssen zum Sortiment und Besuchszweck passen.
Sinne übersetzen
Zoom, Video, Geräusch, AR und konkrete Sprache ersetzen keine Berührung, verbessern aber die Vorstellung.
Erwartung und Produktprobe
Farbe, Geschirr, Raumklang, Duft, Temperatur und Präsentation beeinflussen das Geschmackserlebnis.
Material wird Botschaft
Papier, Prägung, Lack, Format und Öffnungsmechanik kommunizieren Qualität vor dem Text.
Rituale schaffen Sicherheit
Raum, Stimme, Kleidung, Unterlagen und wiederkehrende Abläufe formen das schwer greifbare Angebot.
Eine multisensorische Markenstrategie entwickeln
Sensorische Gestaltung sollte aus der Markenstrategie kommen, nicht aus einer Sammlung kreativer Effekte. Ein sinnvoller Prozess sieht so aus:
- Ziel definieren Soll die Maßnahme Orientierung, Vertrauen, Erinnerung, Produktverständnis, Verweildauer oder Conversion verbessern?
- Markenbedeutung übersetzen Drei bis fünf Eigenschaften festlegen, die Kunden wahrnehmen sollen, etwa präzise, warm, robust oder leicht.
- Customer Journey prüfen Sensorische Lücken und Widersprüche an Werbung, Website, Verpackung, Versand, Raum und Service erfassen.
- Leitsinn bestimmen Nicht jeder Kanal ist gleich wichtig. Bei Textilien dominiert Haptik, bei Getränken Geschmack und Duft, bei Apps häufig Sehen und Hören.
- Passende Signale entwickeln Farben, Materialien, Sounds, Sprache und gegebenenfalls Duft auf eine gemeinsame Bedeutung ausrichten.
- Risiken und Barrieren prüfen Intensität, Allergien, Lautstärke, Bewegung, kulturelle Unterschiede und Abschaltbarkeit berücksichtigen.
- Kontrolliert testen Zunächst einen relevanten Reiz oder eine klar definierte Kombination testen und wirtschaftliche sowie negative Effekte messen.
Welche Kennzahlen sind sinnvoll?
| Ziel | Primäre Kennzahlen | Kontrollgrößen |
|---|---|---|
| Aufmerksamkeit | Sichtbarkeit, Interaktionsrate, Blickverlauf, Videoabspielrate | Störung, Abbruch, unbeabsichtigte Klicks |
| Erinnerung | Ungestützte und gestützte Markenerinnerung | Verwechslung mit Wettbewerbern |
| Produktverständnis | Rückfragen, Fehlkäufe, Retourengründe, Auswahlzeit | Überforderung und Informationslast |
| Conversion | Abschlussrate, Warenkorb, Deckungsbeitrag | Retouren, Storno, Rabatte, Kanalverschiebung |
| Ladenerlebnis | Verweildauer, Besuchsrate, Bonwert | Beschwerden, Vermeidung, Tageszeit und Frequenz |
Eine längere Verweildauer ist nicht automatisch positiv. Kunden können auch länger bleiben, weil Orientierung oder Bedienung schlecht sind. Ebenso kann ein höherer Warenkorb durch Rabatte entstehen und gleichzeitig den Deckungsbeitrag senken. Sensorische Tests gehören deshalb in eine holistische Marketingbewertung.
Gesundheit und Verantwortung
Das Bundesumweltministerium weist darauf hin, dass Duftstoffe bei empfindlichen Menschen unter anderem Kopfschmerzen, Übelkeit sowie Reizungen der Augen und Atemwege auslösen können. Unternehmen sollten Beduftung daher zurückhaltend dosieren, lüften, allergene Stoffe prüfen und gegebenenfalls duftfreie Zeiten oder Bereiche anbieten.
Auch akustische und visuelle Reize brauchen Grenzen. Kunden sollten Musik, Animation oder haptisches Feedback kontrollieren können. Eine Marke gewinnt wenig, wenn ihre Inszenierung einen Teil der Zielgruppe faktisch ausschließt.
Typische Fehler im multisensorischen Marketing
Alle Sinne gleichzeitig
Mehr Reize erhöhen nicht automatisch Wirkung. Häufig steigen nur Lautstärke, Kosten und Belastung.
Angenehm ohne Markenbezug
Ein schöner Duft oder Song nützt wenig, wenn er nicht zur Marke und zum Produkt passt.
Erlebnis vor Funktion
AR, Musik oder Animation dürfen Orientierung, Ladezeit und Kaufabschluss nicht verschlechtern.
Nur positive Kennzahlen
Beschwerden, Abbruch, Retouren und Vermeidungsverhalten gehören in jede Auswertung.
Ein Test für alle Zielgruppen
Kultur, Alter, Erfahrung und sensorische Empfindlichkeit verändern die Wirkung.
Werbemythen als Belege
Agenturangaben, Experimente und unabhängig gemessene Geschäftsergebnisse müssen getrennt werden.
Häufige Fragen zu multisensorischem Marketing
Was bedeutet multisensorisches Marketing?
Multisensorisches Marketing verbindet mehrere Sinnesreize – beispielsweise Farbe, Material und Klang – zu einem abgestimmten Markenerlebnis. Es müssen nicht alle fünf Sinne gleichzeitig angesprochen werden.
Ist multisensorisches Marketing dasselbe wie Neuromarketing?
Nein. Multisensorisches Marketing gestaltet Wahrnehmungsreize. Neuromarketing nutzt neurowissenschaftliche oder psychophysiologische Methoden, um Reaktionen zu untersuchen. Beides kann kombiniert werden, ist aber nicht identisch.
Welche Sinne sind für Unternehmen am wichtigsten?
Das hängt vom Angebot ab. Bei Mode und Print ist Haptik besonders relevant, bei Food Geschmack und Duft, bei digitalen Produkten meist Sehen, Hören und Interaktionsfeedback. Die Strategie sollte einen Leitsinn und unterstützende Signale festlegen.
Funktioniert Duftmarketing immer?
Nein. Durchschnittlich zeigen Studien positive Effekte, sie hängen aber stark von Passung, Intensität, Vertrautheit, Umgebung und Zielgruppe ab. Unter ungünstigen Bedingungen sind auch negative Reaktionen möglich.
Wie lässt sich Haptik in einem Onlineshop vermitteln?
Durch Detail- und Zoombilder, Videos realer Produktinteraktionen, natürliche Geräusche, Materialvergleiche, konkrete sensorische Sprache, Musterbestellungen und je nach Produkt AR. Die echte Berührung wird damit nicht vollständig ersetzt.
Sollte eine Website Hintergrundmusik verwenden?
In der Regel nicht ungefragt. Automatisch abgespielte Musik stört viele Nutzer und kann Screenreader überlagern. Wenn Audio einen echten Informations- oder Erlebniswert besitzt, sollte es aktiv gestartet, pausiert und in der Lautstärke kontrolliert werden können.
Wie misst man den Erfolg einer sensorischen Maßnahme?
Mit einer klaren Hypothese, einer Kontrollvariante und Kennzahlen wie Erinnerung, Interaktion, Conversion, Warenkorb, Retouren, Beschwerden und Deckungsbeitrag. Verweildauer oder Umsatz allein reichen nicht.
Kann multisensorisches Marketing Kunden überfordern?
Ja. Zu viele oder zu intensive Reize können die Erregung erhöhen und die angenehme Wahrnehmung senken. Besonders wichtig sind reduzierte und abschaltbare Varianten sowie die Berücksichtigung sensorisch empfindlicher Personen.
Für welche Branchen lohnt sich multisensorisches Marketing?
Besonders naheliegend ist es in Handel, Hospitality, Food, Automotive, Mode, Kosmetik, Verpackung und Print. Auch B2B-Unternehmen profitieren, wenn Muster, Material, Produktklang oder Demonstration Unsicherheit reduzieren.
Quellen und weiterführende Forschung
- Krishna: An integrative review of sensory marketing
- Spence et al.: Store Atmospherics – A Multisensory Perspective
- Roschk und Hosseinpour: Pleasant Ambient Scents – Meta-Analysis
- Fong et al.: Scent effects in retailing and hospitality
- Krishna, Lwin und Morrin: Product Scent and Memory
- Lwin, Morrin und Krishna: Scent, pictures and verbal recall
- Liu et al.: Meta-analysis of product touch
- Peck und Shu: The Effect of Mere Touch on Perceived Ownership
- Krishna und Morrin: Does Touch Affect Taste?
- Oakes: Music tempo, timbre and advertising recall
- Zoghaib: Music and perceived brand innovativeness
- Huang und Wan: Color–flavor incongruency
- Baptista et al.: Visual cues on chocolate packaging
- Sensory overload in a shopping environment
- Valenzuela-Gálvez et al.: Sensory words in digital contexts
- Løkke-Andersen: Need for Touch in E-Commerce
- Shaban: Tactile sensation in online shopping
- Monaro et al.: Virtual and Augmented Reality in Sensory Marketing
- Racat: Haptic Feedback in AR Shopping
- Ohio State University: e-Taste research prototype
- Campaign Asia: Dunkin’ Donuts Flavor Radio
- Lwin und Morrin: Scenting movie theatre commercials
- Bundesumweltministerium: Duftstoffe und Innenraumluft
- BMAS: Barrierefreiheitsstärkungsgesetz
- W3C: WCAG – Sensory Characteristics
- W3C: WCAG – Audio Control
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